Gesplittete Hessenliga & Verbandsliga ein Szenario


Verbandsfußballwart Radeck: Gesplittete Hessenliga ein Szenario

Der außerordentliche virtuelle Verbandstag des Hessischen Fußball-Verbands findet am 20. Juni statt. Unklar ist allerdings, wie der Umgang des Verbands mit dem Unmut der Zweitplatzierten verläuft.

Von Andreas Wagner aus Fußball in Mittelhessen 
OrtenbergMitten drin im Planungs- und Entscheidungsfindungsstress ist Verbandsfußballwart Jürgen Radeck, der im Gespräch mit dieser Zeitung bestätigte, dass der außerordentliche virtuelle Verbandstag nunmehr am Samstag, den 20. Juni, über die Bühne geht. Schließlich soll die Empfehlung, die Saison am 30. Juni abzubrechen, mit den Stimmen der Delegierten in die Tat umgesetzt werden – und zwar mit Direktaufsteigern nach Quotientenregelung, aber ohne Absteiger. Der 63-jährige Ortenberger reagiert auf das Rumoren an der Basis, nachdem dem Hessenliga-Tabellenzweiten KSV Hessen Kassel das Aufstiegsrecht in die Regionalliga zugesprochen wurde. Der pensionierte Polizei-Hauptkommissar hofft, „dass die Delegierten der Kreise am 20. Juni die beste Lösung herbeiführen“.
Nach der Entscheidung, dass Hessen Kassel als Hessenliga-Zweiter in die Regionalliga aufsteigt, gibt es Unmutsbekundungen der potenziellen Relegation- und Aufstiegsrunden-Kandidaten aus dem Amateurlager, die auf Gleichbehandlung pochen. Wie steht der Hessische Verband zur Entscheidung der Regionalliga Südwest GbR, sich wohl erst nach den von Kassel angedrohten juristischen Konsequenzen zur Kehrtwende entschlossen zu haben?
In der Regionalliga gibt es sieben Landesverbände, die sich die Entscheidung in Sachen Hessen Kassel wahrlich nicht leicht gemacht haben. Der HFV ist also ein Siebtel dieser Liga. Wir haben den Antrag des KSV Hessen Kassel natürlich in vollem Umfang unterstützt, da er ein Verein aus unserem Verband ist. Ich glaube nicht, dass das Säbelrasseln mit den juristischen Androhungen hier den Ausschlag gegeben hat, sondern die Argumente aus den einzelnen Landesverbänden. In Hessen machen aber viele den Fehler, diese Abstimmung sofort 1:1 auf Hessen umzumünzen. Unsere Juristen prüfen gerade alle Möglichkeiten und wir werden das Ergebnis in der nächsten Sitzung des Verbandsvorstandes zur Diskussion stellen. Zum Schluss entscheidet das Votum des Verbandstages.
Eine Fragen-Dreierpack: Kassel hat ja laut Quotientenregelung Kaiserslautern II und den Göppinger SV im Aufstiegskampf regelrecht ausgestochen – ist das gerecht, oder müssten nun nicht konsequenterweise alle Tabellenzweiten aufsteigen? Kann man alle Staffeln überhaupt in einen Topf werfen? Kann man die Oberliga Baden-Württemberg mit der Hessenliga vergleichen?
Die Quotientenregelung wird mittlerweile in allen Landesverbänden angewandt. Es wird dabei immer einen Verein geben, der diese Regelung nicht für richtig hält. Aber sie wurde in ganz Deutschland als die beste Berechnungsgrundlage angesehen und auch andere Sportarten – wie zum Beispiel Handball – haben diese übernommen. Ich konnte mir bis zum Dienstag letzter Woche überhaupt nicht vorstellen, dass man verbandsübergreifend diese Regelung anwenden würde. Man lernt halt auch im Alter immer noch dazu. In einer Aufstiegsrunde wird normalerweise auch nur um einen Aufstiegsplatz gespielt und so hat es die Regionalliga bei der Berechnung über den Quotienten auch umgesetzt.
Hoffte der Hessische Fußball-Verband, dass die Vereine der unteren Ligen der Empfehlung „nur Direktauftsteiger  es gibt keine Absteiger“ kritiklos folgen?
Kritik kann es nur von den Aufstiegsrundenteilnehmern, beziehungsweise den unteren Releganten geben, die eine Chance, aber kein Recht zu einem Aufstieg gehabt hätten. Es gibt natürlich auch stichhaltige Gründe für diese Regelung, da mehr als 20 Ligen in Existenznot geraten können, da ihnen die Mannschaften entzogen werden. Weiterhin nimmt die Ligenstärke in den Kreisoberligen und Verbandsspielklassen zu, sodass es schwierig ist, eine normale Planung zu betreiben. Zusätzliche Aufsteiger bedeuten auch in der Zukunft zusätzliche Absteiger. Hier werden die nächsten Vereine auf der Matte stehen und dies verfluchen, oder sich über vermehrte Wochenspieltage beschweren. Irgendeiner wird immer meckern, aber wir versuchen alle Argumente gegeneinander abzuwägen. Wie schon gesagt, das Votum des Verbandstages wird es uns sagen.
Falls es zur Aufstockung der Hessenliga kommt, gibt es dann Pläne, diese in eine Nord- und eine Süd-Gruppe mit jeweils elf Teams zu splitten, um die Terminnot zu umgehen?
Wir haben gerade eine Änderung der Spielordnung vorbereitet, damit man in dieser Zeit auch auf alternative Spielmodelle umstellen kann. Dies gilt auch für den Pokalwettbewerb. In der Schublade gibt es schon verschiedene Modelle, die je nach Beginn einer neuen Runde ins Spiel gebracht werden können und müssen. Keiner kann uns sagen, ob wir wirklich im September spielen können, sodass mehrere Szenarien bereitgestellt werden müssen. Eine davon könnte natürlich die erwähnte Teilung der Liga sein, um eine Meisterrunde und eine Abstiegsrunde danach anzuschieben. Es gäbe dabei definitiv weniger Spieltage.
Könnte man dieses Modell auch auf andere Klassen projizieren?
Der Regionalbeauftragte für Gießen/Marburg, Jörg Wolf, hat dies für seine Region auch schon ins Spiel gebracht, da die Verbandsliga Mitte und auch die Kreisoberliga Gießen Nord sehr viele Teams aufweisen und neun Wochenspieltage für einen Amateurkicker nicht zumutbar sind.
Wie würde dann der Hessenliga-Meister ermittelt?
Eventuell bei der von Ihnen erwähnten Teilung nach einer Meisterrunde oder mit Endspielen der Gruppensieger.
Könnte es sein, dass laut Satzung zwar die Relegationsrunden entfallen, aber die Aufstiegsrunden nicht?
Bei einer Planung für die neue Saison 2020/2021 werden alle Termine bis hin zum 13. Juni 2021 benötigt. Aus diesem Grund dürfte es keine Relegation beziehungsweise Aufstiegsrunden geben. Die oberen Ligen haben fast alle mehr Mannschaften als sie über die Richtzahl ausweisen. Dies muss über den Abstieg wieder korrigiert werden. Einen weiteren Aufsteiger über die Aufstiegsrunde würde dies ja noch verschärfen, sodass ich für das Aussetzen dieser Spiele in 20/21 bin.
Der KSV Hessen Kassel hat laut Gerüchteküche schwere juristische Geschütze aufgefahren. Bedeutet die überspitzt gesagt: Wer klagt steigt auf, weil der Verband satzungstechnisch wenig entgegenzusetzen hat?
Corona hat uns alle gebeutelt. In keiner Spielordnung auf der Welt ist ein solcher Fall geregelt. Der DFB musste seine Spielordnung auch öffnen, damit man über den 30. Juni hinaus hätte spielen können beziehungsweise, dass Ligen abgebrochen werden konnten. Es wurden insgesamt 16 Paragraphen freigegeben, damit die Landesverbände eventuell eigene Regularien erstellen können. Ich kann ehrlich gesagt dieses juristische Gejammer nicht mehr hören. Wir unternehmen wirklich alles, und haben uns Corona nicht ausgesucht. Unsere Juristen prüfen ebenfalls alles – das muss jedem klar sein.
Zum Abschluss: Welche Lösung bevorzugen Sie nach den aktuellen Entwicklungen?
Herz oder Verstand, das ist hier die schwierige Frage. Ich bin bei dieser Frage hin und hergerissen. In wenigen Tagen (am Samstag, 6. Juni; Anm. d. Red.) werden wir noch einmal alle Möglichkeiten offen auf den Tisch legen, damit sich unsere Fußballwarte selbst ein Bild machen können. Die Delegierten der Kreise werden dann am 20. Juni hoffentlich die beste Lösung herbei führen.

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