„Ein sehr seltsames Gefühl“


„Ein sehr seltsames Gefühl“

Die Trainer der heimischen Fußball-Verbandsligisten über Abbruch, Abschiede und die Corona-Richtlinien des HFV

Von Tim Georg aus dem 

WETZLAR. Schluss, aus, vorbei! Oder doch nicht? Es ist nur noch ein formaljuristischer Akt, der die Teams der Fußball-Verbandsliga Mitte vom offiziellen Abbruch der Saison trennt. Dieser soll auf dem virtuellen Verbandstag im Juni endgültig vollzogen werden. Bedeutet die am 16. Mai von den Verantwortlichen des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) getroffene Entscheidung nach zwei Monaten Stillstand für die heimischen Vereine das Ende der Planungsunsicherheit? Geht es nach den neuen Hygiene-Richtlinien des HFV zurück auf den Trainingsplatz und damit einen Schritt Richtung Normalität? Und wie können Trainer und Spieler in Corona-Zeiten ordentlich verabschiedet werden? Wir haben uns bei den zwölf heimischen Verbandsliga-Vertretern umgehört.

SC Waldgirmes U 23

Für Trainer Steffen Jordan war es ein äußerst kurzes Intermezzo an der Seitenlinie der Lahnauer Hessenliga-Reserve. Erst im Winter rückte er für Mario Schappert auf den Chefposten, nach zwei Spielen war bereits wieder Schluss – erst Pause, dann Abbruch, im Sommer folgt der Wechsel zu A-Ligist SG Hohenahr. „Das ist schade, ich hätte gerne die Runde zu Ende gebracht. Aber die Gesundheit aller Beteiligten und auch deren Familien steht im Vordergrund, deshalb war die Entscheidung richtig.“ Von der Rückkehr auf den Trainingsplatz sieht die SCW-Reserve ab. „Unser Platz war bis vor kurzem von der Gemeinde gesperrt. Zudem müssen die Spieler teils 40 Kilometer fahren, können nicht vor Ort duschen und müssten dann wieder verschwitzt ins Auto steigen, was die Gefahr einer Erkältung erhöht.“ Unter den aktuellen Richtlinien sei dies ohnehin schwer durchführbar: „Das hat nicht viel mit Fußball zu tun, dann könnten wir auch Leichtathletik machen.“ Eine ordentliche Abschlussfeier soll es geben – aber erst mit mehr Lockerungen.

FC Cleeberg

Tiefes Durchatmen bei den „Raubrittern“. „Wir waren sehr erleichtert, dass diese Entscheidung getroffen worden ist. Das war schon eine lange Hängepartie“, so Trainer Daniel Schäfer . Beim FCC im Besonderen, da der Club als Schlusslicht von der Entscheidung, ohne Absteiger abzubrechen, besonders profitiert. „Wir sind da ein gutes Stück demütig, hatten Glück. Einen Abstieg hätten wir natürlich auch akzeptiert.“ Nun kann der Club für ein weiteres Verbandsliga-Jahr planen, und theoretisch auch wieder trainieren. „Ich kann mit diesen Regeln zumindest Stationstraining, individuelle Ballarbeit sowie Übungen zu Koordination und Stabilisation anbieten. Das macht es mir aber schwer, wirklich attraktives Training anzubieten.“ Dennoch will der 44-Jährige künftig Training auf freiwilliger Basis anbieten, sobald die Plätze von der Gemeinde Langgöns freigegeben werden. „Das das noch nicht passiert ist, hat einen ganz banalen Grund: Der entscheidende Mann ist derzeit im Urlaub“, so Schäfer.

FV Breidenbach

Bei den Hinterländern ist Trainer Steffen Schmitt erneut auf Abschiedstour. „Als Zuschauer bleibe ich aber natürlich erhalten.“ Dass der Abschied an der Seitenlinie ausbleibt, stört Schmitt nicht. „Das ist die sinnvollste Lösung. Aber klar hätten wir die Saison gerne sportlich zu Ende gebracht, und wir hätten ja sogar noch aufsteigen können“, sagt der frühere Klassekicker mit einem Augenzwinkern und verlässt den FVB, der künftig vom Spielertrainer-Duo Felix Baum und Julian Kapitza gecoacht wird, mit einem guten Gefühl. „Das sind gute Jungs, die wissen, was zu tun ist.“ Doch so ganz durch die Hintertür will „Schmitti“ nicht gehen. „Wir verzichten auf regelmäßiges Training. Dafür wird es ein Abschlusstraining mit allen Spielern geben, wenn die Lockerungen auch wieder Zweikämpfe zulassen“ Dafür hat sich der 38-Jährige etwas einfallen lassen: „Ich habe mir spezielle Aufgaben und ein Vierer-Turnier überlegt. Dafür habe ich gemeinsam mit meinen Kindern eine Auslosung mit Sponsorenwand in meinem Wohnzimmer aufgenommen und den Jungs als Video geschickt, damit sie derzeit wenigstens etwas Ablenkung haben.“

SF/BG Marburg

„Wir hätten auch damit leben können, dass es weitergeht“, so SF/BG-Übungsleiter Manuel Rasiejewski . Doch für den Abbruch hat der 40-Jährige voll-stes Verständnis. „Die Hauptsache ist, dass eine endgültige Entscheidung getroffen wurde. Dieser Schwebezustand konnte nicht von Dauer sein.“ Weil auch das Training in der Wohnung und die Waldläufe kein Dauerzustand sind, können die Spieler zurück auf den Trainingsplatz – allerdings auf freiwilliger Basis gemeinsam mit den A-Junioren. Geschlossen will Rasiejewski seine Jungs nicht wieder aufs Feld schicken. „Mit zehn Leuten in einer Hälfte und auf Abstand, ohne Zweikämpfe und Kopfballübungen, das mutet schon seltsam an.“

VfB Marburg

Für Harry Preuß , den scheidenden Coach der „Schimmelreiter“, ist das letzte Wort in puncto Abbruch nicht gesprochen. „Es war absehbar, dass der Verband so entscheidet, wobei es natürlich noch nicht endgültig abgesegnet ist und einige Vereine unzufrieden sind. Gerade das Thema Relegation wird uns noch lange beschäftigen“, prophezeit der Ex-Profi. „Ich sehe das mit einem weinenden und einem lachenden Auge, weil wir vor der Pause gut drauf waren und der Abstand nach oben nicht riesig war. Aber für die Gesundheit der Spieler und Verantwortlichen ist es natürlich richtig.“ Der VfB steht seit vergangenem Dienstag wieder auf dem Platz – nicht unbedingt zur Freude des Coaches. „Warum sollen wir trainieren, wenn es keine Spiele gibt? Aber der Verein hat so entschieden, also ziehe ich das mit meinem ,Co‘ Gerd Karcher jetzt durch.“ Zweimal pro Woche wird trainiert, in kleinen Gruppen mit zehn Mann pro Hälfte und „ohne Kopfballübungen, ohne Zweikämpfe und ohne Abschlussspiel. Das ist ein sehr seltsames Gefühl.“ Doch seine Spieler „waren froh, endlich nicht mehr nur Laufpläne abzuarbeiten und sich wieder zu sehen.“ Im Sommer wird Ex-VfB-Spieler Steffen Rechner das Team übernehmen. „Ich erwarte in Sachen Abschied nicht all zu viel. Auch bei Spieler-Verabschiedungen hat sich der Verein nicht immer mit Ruhm bekleckert“, macht Preuß aus seinem Herzen keine Mördergrube.

SV Bauerbach

Beim SVB hat die Staffelstabübergabe auf der Trainerbank bereits stattgefunden. Mit dem bisherigen „Co“ Hendrik Lapp hat für Stefan Frels der mit 28 Jahren jüngste Verbandsliga-Coach übernommen – und sich sofort in die Kaderplanung gestürzt, die „bereits zu 95 Prozent abgeschlossen“ sei. Für den als Vorletzten (aber nicht laut der Quotientenregel) stark abstiegsbedrohten Club sei „das Spielen auf Zeit problematisch“ gewesen. „Am Grünen Tisch wird es natürlich nicht die eine für alle faire Lösung geben“, so Lapp, der gerne sportlich den Klassenerhalt geschafft hätte. Nun fehle der Antrieb für die Trainingsrückkehr. „Die Vorgaben des HFV haben im Grunde wenig mit Fußball zu tun.“ Als Ersatz plant der SVB eine Schnuppereinheit, „damit sich die neue Mannschaft kennenlernen kann“. Sollte es weitere Lockerungen seitens der Politik geben, werde auch Trainer Stefan Frels nach drei Jahren im Amt gebührend verabschiedet.

SSV Langenaubach

Erst Anfang Januar landete Trainer Fabio Eidelwein aus Thailand in Langenaubach, ausgestattet mit dem klaren Ziel, den abstiegsbedrohten SSV in der Klasse zu halten. Ein Sieg und eine Niederlage später folgte abrupt die Pause, die nun im Klassenerhalt nach Abbruch endete. „Die Entscheidung ist vernünftig. Die Runde sportlich zu Ende zu bringen, hätte nur Sinn ergeben, wenn sie bis zum 30.6. zu beenden gewesen wäre. Dann hätte man alle drei bis vier Tage spielen müssen. Da ist das Verletzungsrisiko viel zu hoch.“ Zumindest hat der Verein nun Planungssicherheit in puncto Ligazugehörigkeit, nicht aber, wann die neue Saison startet. „Meine Spieler sind ungeduldig und wollen endlich raus. Aber ohne Ball, ohne Kopfballtraining und ohne klare Motivation ist das sinnlos.“

RSV Weyer

Der Aufsteiger aus dem Kreis Limburg-Weilburg steckte vor der Corona-Pause mitten im Abstiegskampf. „Es ist positiv, dass das Ganze jetzt geklärt ist und wir wissen, wo wir künftig spielen. Zumal da auch Neuzugänge dran hängen“, so Coach Frank Wissenbach , der „ganz entspannt“ auf die Entscheidung für den Saisonstart 2020/2021 wartet. „Wir würden auch gerne trainieren. Aber unter den gegebenen Regeln ist das mehr Hütchenlauf ohne Kontakt. Das machen wir nicht.“ Für die Ungeduld der Spieler hat der Trainer Verständnis. „Wir scharen alle mit den Hufen, aber mit dem Wissen, dass 99 Prozent des Teams bleibt, ist die Motivation und der Spaß umso größer, wenn wir wissen, wann es weitergeht.“

FC Waldbrunn

Ganz anders die Lage vor dem Abbruch beim Team von Spielertrainer Steffen Moritz . Auf Platz vier gelegen, trennten die Westerwälder nur zwei Pünktchen vom Aufstiegsrelegationsplatz. Einige Spieltage grüßte das Team gar von der Spitze. „Es ist zwar schade, dass wir nicht mehr oben anklopfen konnten. Auf der anderen Seite hatten wir alle Trümpfe selbst in der Hand und haben den ersten Platz verspielt. Insofern haben wir den Aufstieg auch nicht verdient“, macht der 36-jährige Toptorjäger deutlich. Mit dem Abbruch habe er gerechnet, auf den Platz will er seine Jungs noch nicht schicken. „Wir brauchen erst einmal ein Datum mit dem Saisonstart, dann haben wir auch wieder ein festes Ziel vor Augen und erstellen einen Trainingsplan.“ Bis dato müssen sich seine Spieler gedulden und weiter selbstverantwortlich fit halten.

SG Kinzenbach

Das Team von Oliver Dönges stand zum Abbruchzeitpunkt im unteren Mittelfeld, fünf Punkte vor der Abstiegszone. „Das ist sehr vernünftig abgelaufen. Wenn wir hätten fertig spielen müssen, hätte es Pro-bleme mit der neuen Saison und den Transfers gegeben. So können wir zumindest grob planen“, so Dönges. Auf der Kaderplanung liegt nun der Fokus in Kinzenbach. „Die meisten Spieler haben keinen Sinn darin gesehen, ohne Körperkontakt zu trainieren. Ich hätte ein paar Spaßtrainings angesetzt, damit sich die Spieler mal wiedersehen. Aber die Jungs haben sich dagegen entschieden.“ Bis auf Weiteres hat er seine Spieler in die Sommerpause geschickt.

TuBa Pohlheim

Klarheit aller Orten? Nicht ganz. Die Pohlheimer standen bei Abbruch auf Relegationsrang zwei, behalten diesen auch mit der Quotientenregel. Eine Entscheidung des HFV, wie mit den Relegationsteilnehmern verfahren wird, steht noch aus. „Wir hängen seit Wochen in der Luft“, so TuBa-Trainer Sherwin Rahmani . Die Regelung, kein Team absteigen zu lassen, begrüßt der Coach ausdrücklich, „aber es wäre das absolut falsche Signal, wenn an dieser Stelle die Solidarität enden würde. Denn das würde bedeuten, dass sportlicher Erfolg und die Leistung, die erbracht wurde, keine Anerkennung findet“, so Rahmani. Bis eine Entscheidung gefallen ist, wird auch TuBa nicht trainieren.

FC Gießen II

Bei der Regionalliga-Reserve kämpft Trainer Roger Reitschmidt gegen Auflösungserscheinungen. „In der Wintervorbereitung hatte ich nur acht bis zehn Spieler im Training, viele haben uns in dieser Zeit verlassen. Das bringt die Gesamtsituation im Verein mit sich“, so der Coach. „Ich hoffe, dass es weitergeht. Und es soll auch weitergehen, so haben es die Verantwortlichen auf einer Vorstandssitzung beschlossen.“ Doch beim FCG ist derzeit nur das Ungewisse gewiss. „Wir wollen auf jeden Fall, ob wir können und dürfen, wissen wir nicht. Es ist eine schwierige Situation“, weiß Reitschmidt

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