Die Fußball-Saison sportlich beenden? HFV-Präsident im Interview


AUS DEM HINTERLÄNDER ANZEIGER
WETZLAR – Der erste Mann im Hessischen Fußball-Verband (HFV) hat noch Hoffnung. Nach wie vor lautet das Ziel, die Saison 2019/20 sportlich zu Ende zu bringen. Und „noch gibt es dafür ein offenes Zeitfenster“, sagt HFV-Präsident Stefan Reuß (49). Die Stunde der Entscheidung indes sei noch nicht gekommen. Noch fehle eine gesicherte juristische Grundlage. Denn nicht Schnelligkeit sei in dieser außergewöhnlichen Situation gefragt, sondern Genauigkeit „und Nachhaltigkeit unserer Entscheidungen“.
Haben Sie noch Hoffnung, diese Saison irgendwie fortführen zu können?
Unser Ziel ist, die Saison 2019/2020 sportlich zu Ende zu bringen. Noch gibt es dafür ein offenes Zeitfenster.
Ihr Präsidiumskollege Frank Illing hat sich mit einem Schreiben an die Trainerinnen und Trainer im Hessischen Fußball-Verband gewandt. Warum?
Auch die Trainerinnen und Trainer stehen im Dilemma, wollen ihre Tätigkeit fortführen und haben regen virtuellen Kontakt zu ihrer Mannschaft und Entscheidungsträgern im Verein. Daher wollten wir unsere Übungsleiter auf die besonderen Umstände und Schwierigkeiten der Entscheidungsfindung hinweisen, aber natürlich auch bekräftigen, dass uns diese Frage permanent beschäftigt und wir an einer Lösung genauso interessiert sind.
Welche Reaktionen haben Sie bekommen?
Die Reaktionen waren überwiegend verständnisvoll. Wir sitzen ja alle in einem Boot und möchten das Gleiche: gesund bleiben und Fußball spielen.
Sie bitten um Geduld, für eine rechtlich saubere Entscheidung. Wie viel Zeit brauchen Sie dafür?
Nicht die Schnelligkeit ist gefragt, sondern die Genauigkeit und Nachhaltigkeit unserer Entscheidungen – und dies funktioniert nur im Gleichklang mit behördlichen Entscheidungen. Dabei spielen gerade zivil- und haftungsrechtliche Gesichtspunkte eine entscheidende Rolle. Wir können erst Entscheidungen treffen, wenn es eine gesicherte juristische Grundlage gibt. Das ist ein eminent wichtiger Punkt. Zudem sind wir noch in Abstimmung mit übergeordneten Verbänden.
Welche Szenarien sind denkbar?
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir keine Spekulationen anstellen möchten, sondern lediglich getroffene Entscheidungen verkünden.
Ein Saisonabbruch birgt viele Fragen. Welches sind die wichtigsten?
Reden wir doch einfach mal von Saisonende und nicht von Abbruch. Für die Vereine ginge es natürlich darum, ob oder wie die Saison gewertet würde, für den Verband geht es auch um zivil- und haftungsrechtliche Fragen.
Sie streben eine bundesweite Lösung an. Wie nahe sind Sie diesem Ziel?
Auch hier geht es um zahlreiche teilweise unterschiedliche behördliche Vorgaben der Bundesländer, 21 Landesverbände und die Verbindung zu höherklassigen Ligen. Diese Frage könnte nur spekulativ beantwortet werden.
Die Saison kann nur von einem außerordentlichen Verbandstag abgebrochen werden. Warum ist das so?
Weil ein solcher Abbruch nicht in der Satzung des Hessischen Fußball-Verbandes geregelt ist und der Verband die diesbezügliche Zustimmung bräuchte.
Falls es Anfechtungen gegen eine Entscheidung geben sollte: Sind Funktionäre rechtlich geschützt über den Verband? Wie ist es um das Thema Haftung für die Entscheider bestellt?
Natürlich möchten wir dieses Szenario vermeiden. Ein Saisonabbruch durch das Präsidium oder den Verbandsvorstand bedeutet gleichzeitig, dass die Mitglieder dieser Gremien für den entstehenden finanziellen Schaden haftbar gemacht werden könnten.
Entscheidend sind die Interessenabwägungen und die müssen sehr sorgsam vorgenommen werden.
Verspüren Sie medialen Druck?
Es ist verständlich und nachvollziehbar, dass alle Fußballinteressierten wissen möchten, wie es weitergeht. Dieses Thema wird logischerweise über die Medien transportiert. Wir können uns aber aufgrund der genannten Aspekte nicht dadurch in unserer Art und Schnelligkeit der Entscheidungsfindung beeinflussen lassen.
Frank Illing erinnert die Trainer an ihre Vorbildfunktion in den Vereinen und den Spielern gegenüber. Welche Erwartungshaltung haben Sie in dieser Situation konkret?
Trainerinnen und Trainer können als Multiplikatoren der Vereine und als diejenigen, die etwas stärker im Rampenlicht stehen, die Schwierigkeiten und Abhängigkeiten bezüglich der Entscheidungsfindung weitergeben und um Verständnis dafür werben, dass es bei allem Fußballspaß in erster Linie um die Gesundheit aller Menschen geht und daher zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Entscheidung möglich ist.
Es geht Ihnen auch um Respekt jenen gegenüber, die einer Risikogruppe angehören oder an Covid-19 verstorben sind. Wie muss sich dieser Respekt Ihrer Meinung nach ausdrücken?
Es geht darum, dass wir alle unseren Teil dazu beitragen können, die Infektionsrate einzudämmen. Daher ist es nicht an der Zeit, einen schnellen Spielbeginn zu fordern, sondern Wert auf einen möglichst umfassenden Gesundheitsschutz zu legen.
Respekt heißt letztlich, Verständnis dafür aufzubringen, dass sich alle Entscheidungsträger viele Gedanken machen und ganz sicher keine leichtfertige Entscheidung treffen werden. Wir können nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert und wir gehen wieder zu unserer gewohnten Tagesordnung über. Respekt heißt auch, mal innezuhalten!
Jeder hat eine Meinung, wie mit der Situation umzugehen ist. Welche ist Ihre?
Wir sollten aufeinander Rücksicht nehmen und – natürlich nur im übertragenen Sinne – aufeinander zugehen und bestmöglich unsere Gesundheit und die unserer Mitmenschen schützen. In puncto Qualifizierungsmaßnahmen rate ich natürlich gerne, unser aufgebautes Angebot an Webinaren wahrzunehmen und sich auf diesem Wege fußballerisch fortzubilden.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Wird die Corona-Pandemie den Fußball verändern?
Ich gehe davon aus, dass sich die gesamte Gesellschaft nach dieser Pandemie verändert und ein neues Denken einsetzt. Fußball ist ein Teil dieser Gesellschaft.

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